Studiensystem in Tschechien

Tradition und Wandel – das sind in Tschechien keine unvereinbaren Gegensätze. Das Beste an der Tradition bewahren und dabei stets offen bleiben für Veränderungen: Ein altes Erfolgsrezept der Tschechen. Immerhin befindet sich in Tschechien mit der Karls-Universität (Univerzita Karlova / Charles University) die erste Universität Mitteleuropas. Gleichzeitig zählt das Land zu den modernsten Industrienationen Europas, in dem Innovation und Entwicklung schon immer eine wichtige Rolle gespielt haben.

Tatsächlich gehört Tschechien zu den ehemaligen "Ostblockländern", die nach der Wende mit am schnellsten den Transformationsprozess vollzogen haben und längst fest in der EU integriert sind. Dabei hat sich nicht nur die Hochschullandschaft, sondern auch das Studiensystem in Tschechien in den letzten Jahren stark gewandelt und sich den europäischen Standards angepasst. Doch ebenso wie unser Nachbarland nach wie vor seine Tschechische Krone als Landeswährung behält, so bewahrt es sich in seinem Studiensystem die eine oder andere Eigenart.

Das Hochschulgesetz Tschechiens befindet sich weiterhin in einem umfassenden Reformierungsprozess, der vor allen Dingen den Aspekt der Qualitätssicherung bei der Einführung neuer Studienprogramme betrifft. Dieser ist nämlich durch einen enormen bürokratischen Aufwand geprägt. Die Hochschulen sollen mehr Autonomie erhalten und somit schneller auf die Anforderungen von Wissenschaft und Arbeitswelt reagieren können.

Der Aufbau des Studiensystems in Tschechien

Das Studiensystem in Tschechien entspricht den europäischen Standards und macht die Anerkennung in Deutschland leicht.

An den Hochschulen (Vysoká škola) in Tschechien wurde die Bologna-Reform mittlerweile nahezu vollständig umgesetzt: Das Studiensystem in Tschechien ist also dreistufig und – mit einigen wenigen Ausnahmen in bestimmten Studienfächern – unterteilt in Bachelorstudium, Masterstudium und Promotion. Auch die Verwendung des European Credit Transfer Systems ist an allen öffentlichen und den meisten privaten Hochschulen üblich. Dies macht die Anerkennung von in Tschechien erbrachten Studienleistungen denkbar einfach. Die Schaffung neuer Studiengänge liegt im Verantwortungsbereich der Hochschulen, wobei deren Akkreditierung durch das National Accreditation Bureau for Higher Education (Accreditation Bureau) erfolgt.

Im Studiensystem in Tschechien spielt in puncto Zulassung weder ein Numerus clausus noch eine Einrichtung wie Hochschulstart.de eine Rolle. Die Bewerbung für ein Studium in Tschechien erfolgt in fast allen Fächern über Aufnahmeprüfungen, die in der Regel zwischen Juni und August stattfinden. Das akademische Jahr in Tschechien beginnt, je nach Hochschule, im September oder im Oktober. Die Aufnahmeprüfungen sind Mittel zur Qualitätssicherung und sollen sicherstellen, dass die Anzahl an Studienabbrechern oder Studienfachwechslern gering ausfällt. Aufnahmeprüfungen sind für alle drei Studienabschnitte – Bachelor, Master, Promotion – üblich. Ausnahmen gibt es für bestimmte Fachbereiche, in denen es mehr Plätze als Bewerber gibt.


Die klassischen Abschlüsse

Die klassischen Abschlüsse im Studiensystem in Tschechien entsprechen den Abschlüssen des Bologna-Prozesses, wobei der Begriff „Bachelor“ ins Tschechische (Bakalář) übertragen und der alte Ausdruck Magistr beibehalten wurde.

Bachelor / Bakalář

Bachelorprogramme (Bakalářšký program) in Tschechien qualifizieren zur Ausübung eines Berufs oder auch zu einem weiterführenden Masterstudium. Im Hochschulgesetz Tschechiens sind 37 verschiedene Bildungsbereiche festgesetzt, denen die einzelnen Studiengänge zugeordnet sind. Diese sind entweder anwendungsorientiert und berufsvorbereitend oder aber vor allen Dingen wissenschaftlich ausgerichtet. Berufsorientierte Programme beinhalten in der Regel Pflichtpraktika von mindestens zwölf Wochen.

Voraussetzung für die Aufnahme eines Bachelorstudiums ist auch in Tschechien das Abiturzeugnis (Vysvědčení o maturitní zkouškou) und das erfolgreiche Bestehen einer Aufnahmeprüfung. Dabei haben die tschechischen Hochschulen jeweils eigene Aufnahmeprüfungen pro Fachbereich – wer sich also an mehreren Universitäten bewirbt, muss auch die jeweilige Aufnahmeprüfung absolvieren. Während bei einigen Universitäten einzig das Ergebnis der Aufnahmeprüfung ausschlaggebend für die Zulassung ist, beziehen andere wiederum auch die Abiturnote in ihre Entscheidung mit ein. Je nach Fachbereich müssen die Bewerber noch weitere Voraussetzungen für die Zulassung erfüllen.

Das Bachelorstudium dauert auch in Tschechien in der Regel drei, in seltenen Fällen vier Jahre. Vierjährige Studiengänge gibt es überwiegend in den Bereichen Ingenieurwissenschaften sowie Bildende Kunst. Der Workload während eines Bachelorstudiums entspricht insgesamt 180 ECTS-Punkten bei dreijährigen und 240 ECTS-Punkten bei vierjährigen Programmen. Die Studenten schließen ihr Bachelorstudium mit einer staatlichen Abschlussprüfung (státní závěrečná zkouška) und der Verteidigung ihrer Bachelorarbeit (baklářská práce) ab. Danach erhalten die Studenten ihr Hochschulabschlusszeugnis (vysokoškolský diplom) sowie ein Diploma Supplement (dodatek k diplomu), was ihnen das Recht verleiht, den akademischen Titel bakalář (Bc.) zu führen. Dieser entspricht dem deutschen Bachelor.

In Tschechien übliche Bachelorabschlüsse:

  • Bei fast allen Studienfächern: Bakalář (Bachelor), Abkürzung: Bc.
  • Bei künstlerischen Studiengängen an einem Konservatorium (Konzervatoř): Bakalář uměni (Bachelor of Art, nicht zu verwechseln mit dem Bachelor of Arts), Abkürzung: BcA.

Im Studiensystem in Tschechien gibt es keine Unterscheidung zwischen einem Bachelor of Science bei naturwissenschaftlichen Studiengängen und einem Bachelor of Arts bei geisteswissenschaftlichen Studiengängen.

Master / Magistr

Ein Masterstudium in Tschechien bietet Vertiefung und Spezialisierung in den verschiedensten Bereichen.

Auch in Tschechien dient ein Masterprogramm (Magisterský program) der theoretischen Vertiefung und Spezialisierung in einem bestimmten Fachbereich. Sie setzen einen Bachelorabschluss im gleichen oder in einem artverwandten Studienfach voraus. Auch bei der Bewerbung für ein Masterprogramm gehört eine Aufnahmeprüfung häufig zum Prozedere dazu. Weitere Zulassungsvoraussetzungen sind möglich, beispielsweise eine vorgeschriebene Anzahl an Credits in einem bestimmten Fach. Wer diese nicht nachweisen kann, hat gegebenenfalls die Möglichkeit, die entsprechenden Lehrveranstaltungen nachzuholen.

Die Dauer eines Masterstudiums in Tschechien liegt zwischen einem und drei Jahren, wobei die große Mehrheit der Studiengänge zwei Jahre dauern und den Erwerb von 120 ECTS-Punkten erfordern. Das Masterstudium endet mit einem staatlichen Abschlussexamen (státní závěrečná zkouška) und der Verteidigung der Masterarbeit (diplomová práce).

Die tschechischen Masterprogramme führen, je nach gewähltem Fachbereich, zu unterschiedlichen Abschlussbezeichnungen:

  • In Wirtschafts-, Ingenieur- und Agrarwissenschaften, Forstwirtschaft und Militär: Inženýr (Ingenieur), (Ing.)
  • Architektur: Inženýr architekt, (Ing.arch.)
  • Kunst: Magistr umění (Master of Art), (MgA.)
  • In allen anderen Bereichen (außer Medizin): Magistr (Master), (Mgr.)

Besonderheit: Ungegliederte, lange Masterprogramme

Neben Masterprogrammen, die in das Bachelor-Master-Studiensystem integriert sind und bei denen ein Bachelorabschluss als Zulassungsvoraussetzung gilt, gibt es im tschechischen Studiensystem nach wir vor „ungegliederte“ Masterprogramme, auch „lange“ (long-cycle) Masterprogramme genannt. Sie sind allerdings die Ausnahme und nicht die Regel. Die Beschaffenheit des Studiums eignet sich nicht dazu, es in einen Bachelor- und Masterbereich zu unterteilen. Angeboten werden die langen Masterprogramme vor allem in den Fachbereichen Jura, Medizin, Zahnmedizin, Veterinärmedizin, Pharmazie oder Lehramt. Es handelt sich also um Studienfächer, die überwiegend auch in Deutschland von der Bachelor-Master-Gliederung ausgenommen sind und mit einem Staatexamen abschließen.

Diese Studiengänge haben eine Mindestlänge von vier Jahren (240 ECTS, vor allem Grundschullehramt) und eine Maximaldauer von sechs Jahren (360 ECTS, Medizin). Die langen, ungegliederten Masterprogramme führen generell zum selben Abschluss, nämlich zum Magistr (Mgr.). Medizinische Studiengänge (Human-, Zahn- und Veterinärmedizin) gibt es ausschließlich in dieser ungegliederten Form; sie schließen mit einem sogenannten Erweiterten Staatsexamen (státní rigorózní zkouška) ab.

Folgende Abschlüsse im Bereich Medizin sind möglich:

  • Humanmedizin: Doktor medicíni, Abkürzung: MUDr.
  • Zahnmedizin: Doktor zubního lékařství, Abkürzung: MDDr.
  • Verterinärmedizin: Doktor veternární medicíny: MVDr.

Doktor

Promotionsprogramme haben eine Standarddauer von drei bis vier Jahren. Die tatsächliche durchschnittliche Studiendauer liegt allerdings bei fünf bis sechs Jahren. In einer Promotion geht es um unabhängige wissenschaftliche Forschung und Entwicklung. So sollte auch aus dem Thema der Dissertation hervorgehen, dass die Bearbeitung und Lösung eine eigenständige wissenschaftliche Leistung erfordert. Das Studium verläuft nach einem individuellen Studienplan unter der Betreuung eines Supervisors. Häufig ist es üblich, dass die Doktoranden eine bestimmte Stundenanzahl an Lehre erfüllen müssen.

Für die Zulassung ist in der Regel ein Masterabschluss erforderlich. Auch eine Aufnahmeprüfung und/oder ein Interview sind nicht unüblich. Das Studium endet mit einer staatlichen Prüfung, wozu auch die Präsentation und die Verteidigung der Doktorarbeit gehören. Am Ende erhalten die Absolventen den akademischen Grad „Doktor“, beziehungsweise Ph.D. Die Angabe des Arbeitsaufwands in ECTS-Punkten kommt bei den Promotionsprogrammen nur sehr selten zur Anwendung.

Die landesspezifischen Abschlüsse in Tschechien

Im tschechischen Studiensystem gibt es, neben den klassischen und auch in Deutschland bekannten Abschlüssen, landesspezifische Abschlüsse.

Kleine Doktorate

Im Studiensystem in Tschechien gibt es die sogenannten „kleinen Doktorate“ (rigorózum). Diese werden in der Regel vor dem Namen angeführt, zusammen mit der Bezeichnung der Disziplin. Nach einer Promotion hingegen wird der Titel nach dem Namen angeführt.

Um den kleinen Doktor zu erhalten, erweitern die Masterabsolventen ihre Abschlussarbeit und verteidigen diese im sogenannten Rigorosum. Dieser Universitätsabschluss steht allerdings nicht auf einer Stufe mit der Promotion, weil er keine unabhängige Leistung in Wissenschaft und Forschung erfordert. Der kleine Doktor zeigt lediglich an, dass man auf einem hohen Niveau wissenschaftlich arbeiten kann.

Warum ist dieser Abschluss im Studiensystem in Tschechien vertreten? In der Tschechischen Republik spielen Titel im gesellschaftlichen Umgang eine wichtige Rolle. Gerade als Anwalt oder Arzt ist es wichtig, „Herr Doktor“ genannt zu werden. In Tschechien hat der Titel eine lange Tradition und stammt noch aus der Zeit der k.u.k. Monarchie. In anderen europäischen Ländern, so auch in Deutschland, sorgt er allerdings häufig für Verwirrung. Internationale Studenten sollten sich bewusst sein, dass es sich bei diesen Abschlüssen nicht um einen regulären Doktorabschluss handelt.

Im tschechischen Studiensystem finden sich folgende Abschlussbezeichnungen für kleine Doktorate:

  • Recht: Doktor práv (JUDr.)
  • Geisteswissenschaften, Lehramt, Sozialwissenschaften: Doktor filozofie (Ph.Dr.)
  • Naturwissenschaften: Doktor přírodních věd (RNDr.)
  • Pharmazie: Doktor farmacie (PharmDr.)
  • Theologie: Doktor teologie (ThDr.) oder Licenciát teologie (ThLic.)

Diploma Specialista

Die sogenannten Vyšší odborna škola (etwa: Höhere Fachschule; Tertiary professional school) stellen einen Sonderfall in der tschechischen Hochschullandschaft dar. Sie sind daher auch schwer nach EU-Maßstäben zu klassifizieren. Am ehesten entsprechen sie den amerikanischen Community Colleges. Sie bieten eine drei- bis dreieinhalb-jährige praxisorientierte Ausbildung an. Nach dem Bestehen der Abschlussprüfung (Absolutorium) erhalten die Absolventen den Abschluss Diplomovaný specialista („diplomierter Spezialist“), kurz DiS. Die Abschlüsse liegen unterhalb eines Bachelorabschlusses und berechtigen nicht zur Aufnahme eines Masterstudiums. Sie lassen sich also in etwa mit den in angelsächsischen Ländern üblichen Certificates vergleichen.


Kürzere Studienaufenthalte in Tschechien

Ein Auslandssemester in Tschechien gehört sicherlich zu der beliebtesten Form eines Auslandsstudiums. Hier können internationale Studenten für ein oder zwei Semester an einer Hochschule in Tschechien studieren, Land und Leute kennenlernen und Lehrveranstaltungen besuchen. Da viele Hochschulen englischsprachige Studiengänge anbieten, ist ein Auslandssemester auch für diejenigen attraktiv, die (noch) kein Tschechisch sprechen.

Dadurch, dass auch an den tschechischen Universitäten das ECT-System Eingang gefunden hat, ist die Anrechnung der Studienleistungen problemlos möglich – natürlich solltet ihr zuvor immer ein Learning Agreement mit eurer Heimathochschule abschließen.


Das Studiensystem in Tschechien im Vergleich zu Deutschland

Studenten aus aller Welt zieht es für ein Medizinstudium nach Tschechien. Eine der wichtigsten Universitätsstädte ist Brno, wo auch die renommierte Masaryk University liegt.

Im Großen und Ganzen lässt sich das Studiensystem in Tschechien mit dem in Deutschland vergleichen. Auch dort wurden die Bestimmungen des Bologna-Prozesses größtenteils umgesetzt. Anders als hierzulande ist das Studium in Tschechien jedoch nicht modularisiert, sondern besteht aus Pflichtlehrveranstaltungen, Wahlpflichtlehrveranstaltungen und Wahlfächern. Hier erwerben die Studenten die nötigen ECTS-Punkte. Die dort erzielten Leistungen finden zwar Eingang in das Diploma Supplement, haben aber keinen Einfluss auf die Abschlussnote. Ausschlaggebend sind allein die staatliche Abschlussprüfung am Ende des Studiums sowie die Note der Abschlussarbeit. Der Hochschulzugang erfolgt in den meisten Fällen über Aufnahmeprüfungen, ein NC existiert nicht. Auch finden sich im deutschen Studiensystem keine Abschlüsse, die den tschechischen kleinen Doktoraten entsprechen.