18 Feb
Erfahrungsbericht von Henry R.

University of California Davis

Stadt: Davis
Land: USA
Kontinent: Nordamerika
Studienrichtung: Anglistik / Amerikanistik
Studientyp: Auslandssemester
Zeitraum: 09/2013 bis 12/2013

Hochschule:
Studieninhalte:
Studienbedingungen:
Freizeit:
Spaß:
Kosten:
Gesamtbewertung:

Ein Auslandsaufenthalt ist kulturell immer bereichernd, vor allem, wenn, wie in meinem Falle, das gewählte Land mit den persönlichen und akademischen Interessen übereinstimmt. Daher soll der akademische Mehrwert meines Semesters an der University of California, Davis im Mittelpunkt dieses Berichtes stehen. Der umfangreiche Prozess der Planung, welchen ich bereits im Winter 2012 angestoßen habe, mündete in meiner Abreise in die Vereinigten Staaten im vergangenen September. Bereits im Vorhinein machte ich mir Gedanken darüber, wie ich durch die Wahl meiner Kurse die Erweiterung bzw. Durchbrechung meines bisherigen akademischen Werdegangs erreichen könnte.

Während die geisteswissenschaftliche Disziplin der American Studies am Englischen Seminar meiner Heimatuniversität lediglich eine kultur- und literaturwissenschaftliche Unterdisziplin darstellt, ist es an US-amerikanischen Universitäten die Regel, dass American Studies ein eigenständiges, autonomes Fach samt eigener Fakultät darstellen. Ich habe in meinem Auslandssemester drei Seminare aus dem Upper-Division-Bereich des American Studies Programmes (d.h. Kurse, die in der Regel von Studenten, die kurz vor ihrem Abschluss stehen) belegt. Alle drei Seminare zeichneten sich aus meiner Sicht inhaltlich dadurch aus, dass ich sie in der Form nicht an einer deutschen Hochschule antreffen könnte.

Das Seminar „The Individual and Community in America” stellt dabei ein Musterbeispiel für den Kontrast zwischen Fremdbeobachtung US-bezogener Themen an deutschen Hochschulen und der Selbstbeobachtung an US-Universitäten dar. Im Zentrum dieses Kurses stand die Diskussion von Themenkomplexen der sozialen Gerechtigkeit in der gegenwärtigen amerikanischen Lebenswelt, wie z.B. der sog. Prison-Industrial-Complex in Kalifornien (die Verstrickung von Hochschulforschung, Wirtschaft, Recht und Kriminalität), der Zugang zu höherer Bildung speziell aus der Perspektive der institutionalisierten Rassendiskriminierung, sowie das Individuum und die Gemeinschaft im Spannungsfeld von Liberalismus zum Neoliberalismus im 20. Jahrhundert.

Während es in Münster problemlos potenziell möglich ist, während des Semesters den persönlichen Workload so zu reduzieren, dass die Endklausur bzw. Hausarbeit entscheidend für die Seminar- bzw. Modulnote ist, erforderte der Studienalltag an der UC Davis persönliches Engagement, ein diszipliniertes Zeitmanagement, sowie eine frühe Beschäftigung mit dem finalen Kursprojekt. Prozentual notenbestimmende Prüfungsleistungen beinhalten dabei die mündliche Teilnahme an Kursdiskussionen, die Abgabe von mehreren Essays schon in den frühen Semesterwochen, die Führung eines Kursblogs, in dem in Interaktion mit den Kommilitonen die Projektarbeit dokumentiert wird, Leistungsabfragen usw.

Zusammen mit zwei amerikanischen Kommilitonen habe ich an einem Projekt zur sog. K-12 Education gearbeitet, wobei es um die Finanzierung der öffentlich zugänglichen Bildung von der Stufe des Kindergartens bis zum Eintritt ins College ging. Wir zogen dabei machttheoretische Konzepte der Bevölkerungskontrolle des französischen Philosophen Michel Foucault heran, um zu erklären, wie die Abhängigkeit der öffentlichen Bildung von kommunalen bzw. subkommunalen Einkommenssteuerniveaus den Zugang marginalisierter Bevölkerungsgruppen auf der strukturellen Ebene determiniert. Neben der theoretischen Ausarbeitung entwarfen wir dabei eine Fallstudie, in der wir zwei individuelle Schicksale von Grundschülern aus den Staaten Kalifornien und Washington verglichen. Ich übernahm dabei u.a. die Erstellung von Flyern, welche zur Kurspräsentation und potenziellen Verteilung in der amerikanischen Bevölkerung genutzt werden konnten. Dieses Projekt, meine abschließende Hausarbeit mit dem Titel „Making Public Schools Public: K-12 Funding and Access to Higher Education in the U.S.“, meine Beteiligung in den zweimal wöchentlich stattfindenden Kursdiskussionen, meine Essays, Blogbeiträge etc. mündeten in einem „A“ als Abschlussnote.

Mein zweites Seminar hatte den Titel „Militarism, Media, and Technology“ und drehte sich um Vorgänge der Militarisierung in der amerikanischen Gesellschaft und wie diese Diskurse sich in Kultur, Geschichte und (Außen)Politik niederschlagen. Dieser Kurs hatte die Form eines klassischen Lektüreseminars, wobei neben einer abschließenden Hausarbeit die Verfassung von Essays, sowie die Leitung einer Seminarsitzung zu den Prüfungsleistungen zählten. Inhaltlich standen Konzepte wie der post-9/11 Sicherheitsstaat, die USA als modernes Imperium, die individuelle sowie strukturelle Disziplinierung bzw. Angleichung an militaristische Formen des sozialen Zusammenlebens, und vor allem der Einfluss technologischer Entwicklungen des Militärs für die alltägliche US-amerikanische Lebenserfahrung im Mittelpunkt.

Dieser Kurs stellte für mich persönlich eine außerordentlich geeignete Möglichkeit für die interdisziplinäre Verknüpfung meiner beiden Studienfächer dar, da ich genuine Themen der American Studies aus der Perspektive der Media Studies beleuchten konnte. In meiner Leitung einer Seminarsitzung habe ich die kulturwissenschaftliche Verhandlung von militaristischen Diskursen in Videospielen thematisiert - ein zentrales Thema der empirischen Kommunikationswissenschaft an meiner Heimatuniversität. In diesem Kurs habe ich diesen Themenkomplex nun von einer gänzlich entgegengesetzten methodologischen Perspektive betrachten können. In meinem Abschlussprojekt, welches in einer Hausarbeit mit dem Titel „Empire’s Journalism? The Negotiation of War in U.S. Video Game Coverage“ mündete, habe ich diesen Themenkomplex aufgegriffen, indem ich die Verhandlung von Konzepten wie Empire, Otherness, Glorification etc. auf einer übergeordneten Diskursebene analysiert habe, in diesem Fall die Diskussion von Videospielen im Fachjournalismus. Meine gesamte Kursleistung wurde ebenfalls mit einem „A“ als Abschlussnote honoriert.

Die dritte von mir besuchte Lehrveranstaltung führte mich ein zurück zu der auch in Münster vorhandenen kulturwissenschaftlichen Herangehensweise an US-amerikanische Themen, wobei hier vor allem die Struktur des Seminars einen großen Kontrast zu meiner bisherigen akademischen Erfahrung darstellte. In „American Popular Culture“ ging es um die systematische Analyse von spezifischen Produkten des US-amerikanischen Kulturapparates in ihrer Verstrickung mit Diskursen wie Rasse, Geschlecht, Neoliberalismus und nicht letztlich „das Amerikanische“, d.h. die Rückführung dieser Produkte auf die Partikularität der kollektiven amerikanischen Psyche.

Ähnlich wie im hier erstgenannten Seminar zeichnete sich dieser Kurs durch einen umfangreichen Workload bestehend aus Leistungsabfragen, einer langen Lektüreliste, einem Kursblog, Essays, sowie einer abschließenden Hausarbeit aus. Dieser Kurs gab mir die Möglichkeit, einen (aktuellen!) Untersuchungsgegenstand nach freiem Bemessen zu wählen und ihn mit den kulturwissenschaftlichen Werkzeugen aus mehreren Fachdisziplinen anzugehen. In meinem Projekt wählte ich das zum Semesterbeginn erschienene Album Nothing Was the Same des Hip-Hop-Künstlers Drake. Meine Analyse der technologischen und ökonomischen Bedingungen seiner Karriere sowie das Close Reading spezifischer Textzeilen mündeten in meiner Abschlussarbeit mit dem Titel „Nothing Was the Same: The Construction of Black Identity in U.S. Hip Hop Discourse“, in der ich meinen im Kursblog dokumentierten Forschungsprozess vertieft habe. Nach Semesterende habe ich diese mit der Note 9,4 von 10 honorierte Arbeit für den Undergraduate Writing Prize des Department of American Studies der UC Davis eingereicht - eine Möglichkeit, die in meinen Fächern an meiner Heimatuniversität nicht existiert. Sollte meine Bewerbung erfolgreich sein, wäre dies das erste Mal, dass eines meiner Kursprodukte jenseits der Notenvergabe durch einen Dozenten und meiner Schublade an Bedeutung bzw. Zugänglichkeit gewinnt. Meine Gesamtleistung in diesem Kurs wurde ebenfalls mit einem „A“ als Abschlussnote bewertet.

Neben den inhaltlichen Erkenntnissen und der Erweiterung meines bisherigen Wissens und meiner Perspektive zu meinen Forschungsinteressen stellt der strukturelle, didaktische Kontrast ein zentrales Element meines akademischen Erfahrungsgewinns dar. Wie bereits angedeutet, setzt sich eine Seminarnote aus mehr Einzelkomponenten als lediglich eine einzige Abschlussarbeit oder -klausur zusammen, sodass die Gesamtbewertung aus meiner Sicht repräsentativer für das Engagement des Studenten ist. Obgleich ich die Wichtigkeit der intrinsischen Motivation eines Studenten von Geistes- und Sozialwissenschaften niemals unterbewerten würde, hat mir der Studienalltag an der UC Davis gezeigt, dass die Berücksichtigung von mündlichen Noten - und sei es lediglich zu einem Anteil von 5% der Gesamtnote - sowohl den individuellen Lerneffekt, als auch das Klima innerhalb der Kursdiskussionen aus meiner vergleichenden Sicht bahnbrechende Effekte haben kann. Eine Randnotiz ist dabei, dass die von mir gelesene Kurslektüre über zehn Wochen auf knapp unter 1.500 Seiten zu beziffern ist. Der Unterschied zum Studienalltag in Deutschland ist dabei weniger diese bloße Summe in der kürzeren Zeit, sondern die Wahrnehmung der Lektüre als fundamentale Selbstverständlichkeit denn als Bürde. Für mich persönlich erwarte ich aus dieser viel produktiveren Erfahrung konsequenterweise einen länger anhaltenden Lerneffekt.

Zum Abschluss würde ich dennoch gerne auf die kulturelle Bereicherung, die ich durch diesen Auslandsaufenthalt erfahren habe, hinweisen. Neben ausführlichen Wander- und Reiseunternehmungen in ganz Kalifornien stechen vor allem all die Aktivitäten heraus, die mich neben dem zweimaligen Besuch meiner Seminare begleitet haben. Diese waren charakterisiert von einem übergeordneten Leitmotto der Globalität. Sei es die Teilnahme an einem Juwelierworkshops im Craft Center, das regelmäßige Basketballspiel im Activities and Recreation Center, die Teilnahme an verschiedensten Aktivitäten des International House Davis (z.B. die Leitung von German Conversation Classes mit Menschen aller Altersgruppen und Nationen) oder selbst der Besuch des katholischen Gottesdienstes - der Alltag als internationaler Student in Kalifornien war zu gleichen Teilen eine amerikanische Erfahrung wie auch ein internationaler Austausch. Vor allem die Aufrechterhaltung des Kontaktes zu Kommilitonen und Freunden aus allen Teilen der Welt wird sich als fortwährender Gewinn meines Auslandsaufenthaltes erweisen, sei es auf freundschaftlicher Ebene indem man sich gegenseitig ein transnationales Zuhause anbieten kann, oder auf fachlicher Ebene, wenn es um die Fortführung von nie endenden, in Seminaren angestoßenen Diskussionen im Internet geht.

Im Abgleich mit den diversen Motivationsschreiben, die ich in der Planungsphase dieses Auslandsaufenthaltes verfasst habe, drängt sich der Eindruck auf, dass mein Versuch eines akademischen Perspektivwechsels sowie die Einflechtung in meine Gesamtstudienplanung auf inhaltlicher als auch methodischer Weise mehr als erfolgreich war. In der Rückschau betrachte ich mein bisheriges Studium ohne die Erfahrungen, die ich an der UC Davis sammeln konnte, als gänzlich unvollständig.

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal herzlich beim Team von College Contact für die umfangreiche Betreuung rund um Bewerbung, Planung und Umsetzung meines (leider viel zu kurzen) Auslandsaufenthaltes bedanken. Sowohl für die UC Davis als Studienort, als auch für College Contact als äußerst angenehmer Dienstleister spreche ich hiermit eine uneingeschränkte Empfehlung aus.