Interkulturelle Kompetenz durch ein Auslandsstudium

Für ein Studium im Ausland gibt es sehr viele Gründe. Neben der akademischen Motivation geht es vielen Studenten natürlich auch darum, sich wichtige Soft Skills anzueignen. Diese sind im späteren Berufsleben ebenso gefragt wie die fachlichen Fähigkeiten. In unserer globalisierten Gesellschaft ist interkulturelle Kompetenz mittlerweile in fast jedem Berufsfeld erforderlich, sei es in international agierenden Unternehmen, im Bereich Pädagogik und Lehramt oder auch im Wissenschaftsbetrieb.

Doch was bedeutet eigentlich interkulturelle Kompetenz? Und wie könnt ihr euch diese besondere Fähigkeit aneignen? Der Weg ins Auslandsstudium ist schon einmal der erste Schritt in die richtige Richtung. Im Folgenden erfahrt ihr, was es mit Interkulturen und interkultureller Kompetenz auf sich hat und wie ihr euch diese wichtige Kompetenz im Auslandsstudium aneignen könnt.

Interkulturelle Kompetenz: Definition

Ein Auslandsstudium ist ideal, um sich interkulturelle Kompetenzen anzueignen.

Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, sich sicher in interkulturellen Situationen zurechtzufinden. Wer nachvollziehen kann, warum der interkulturelle Partner so handelt wie er handelt, weil er die tiefergehenden Werte und Denkmuster dahinter kennt, und gleichzeitig dieses Wissen dazu nutzt, die interkulturelle Situation positiv zu beeinflussen, besitzt interkulturelle Kompetenz. Interkulturelle Kompetenz bedeutet nicht, sich vorbehaltlos der anderen Kultur anzupassen oder gar die eigene Kultur „aufzugeben“. Im Gegenteil: Aus beiden Kulturen soll gewissermaßen das Beste herausgeholt werden, um neue Perspektiven und Ideen zu entwickeln. Beide Seiten sollten sich einander anpassen, sich respektieren und würdigen und produktiv mit den jeweiligen kulturellen Unterschieden umgehen.

Interkulturelle Kompetenz ist keine einzelne Fähigkeit, sondern sie besteht aus verschiedenen einzelnen Kompetenzen und deren Zusammenspiel. Dazu gehören beispielsweise

  • Soziale Kompetenzen: Teamfähigkeit, Empathie, Anpassungsfähigkeit, Fähigkeit zur Metakommunikation
  • Individuelle Kompetenzen: Lernbereitschaft, Rollendistanz / Selbstreflexion, Aushalten von Widersprüchen und Uneindeutigkeiten, Optimismus, Empathie
  • Strategische Kompetenzen: Fähigkeit zur Problemlösung, Wissensmanagement, Organisationsfähigkeit, Fremdsprachenkenntnisse
  • Fachkompetenzen: Berufserfahrung, Fachkenntnisse im jeweiligen Bereich

Interkulturelle Kompetenz erlernt ihr auch im Auslandsstudium nicht von heute auf morgen. Vielmehr handelt es sich um einen lebenslangen Lernprozess, denn in jeder neuen interkulturellen Situation lernt ihr etwas dazu.


Interkulturen im Auslandsstudium

Eine „Interkultur“ entsteht immer dann, wenn zwei Menschen miteinander in Kontakt kommen, die einen mehr oder weniger unterschiedlichen kulturellen Hintergrund haben. Interkulturen entstehen also immer wieder aufs Neue und entsprechen weder der einen noch der anderen Kultur. Stattdessen entsteht durch die Interaktion eine Zwischenkultur, die zum gemeinsamen Handlungsfeld wird. Interkulturen sind also dynamisch, sie entstehen durch Interaktion. Sie sind immer wieder neu und unbekannt – das kann sowohl als etwas Spannendes und Anregendes als auch als eine Bedrohung und eine Verunsicherung wahrgenommen werden.

Wer für ein Studium ins Ausland geht, bewegt sich gewissermaßen permanent in Interkulturen, vor allem dann, wenn er mit den Menschen im Gastland kommuniziert. Doch interkulturelle Kommunikation ist nicht gleichbedeutend mit interkultureller Kompetenz. Interkulturelle Kompetenz bedeutet, erfolgreich mit Menschen zu kommunizieren, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Erfolgreich heißt, dass die Kommunikation für beide Seiten befriedigend verläuft und man sich sogar gegenseitig bereichert. Doch das ist gar nicht so einfach, wie es zunächst erscheint. Denn aufgrund der eigenkulturellen Prägung, hält die interkulturelle Kommunikation die verschiedensten Fallstricke parat und so kann es leicht zu interkulturellen Missverständnissen kommen.


Interkulturelle Missverständnisse

Interkulturelle Missverständnisse entstehen vor allem dann, wenn man sich nicht bewusst ist, dass sowohl die eigene Wahrnehmung als auch die des interkulturellen Partners stark kulturell geprägt ist. Die kulturellen Unterschiede sind manchmal größer, als man zunächst wahrhaben möchte. Bei einer interkulturellen Kommunikationssituation tendiert man dazu, davon auszugehen, dass es eine gemeinsame Vorstellung von „Normalität“ gibt. Es wird von Gemeinsamkeiten ausgegangen, die tatsächlich gar nicht vorhanden sind. Aufgrund dessen interpretiert man das Verhalten des anderen häufig so lange um, bis es für einen selbst plausibel erscheint. Irgendwann wird jedoch offensichtlich, dass sich die jeweiligen Vorstellungen, Wahrnehmungen und Erwartungen gegenüber der Situation oder gegenüber dem anderen völlig entgegenstehen. Man spricht hier auch von Critical Incidents.

Um interkulturelle Missverständnisse zu vermeiden und somit interkulturelle Kompetenz zu erlangen, ist es also wichtig, sich darüber bewusst zu sein, wie stark Wahrnehmung, Verhalten und Erwartungen bei einem selbst und beim Gegenüber eigenkulturell geprägt ist. Der Kulturwissenschaftler Geert Hofstede spricht hier von der Kultur als „mentale Programmierung“.

Eigenkulturelle Prägung als mentale Programmierung

Vieles, was euch als selbstverständlich und ganz logisch erscheint, ist es nur, weil es dem Denken und den Werten eurer Kultur, in der ihr aufgewachsen seid, entspricht. Im Laufe seines Erwachsenwerdens erlernt der Mensch, wie er sich innerhalb seiner Kultur in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Die Kultur, in der ein Mensch aufwächst, lässt sich mit einer Art „mentalen Programmierung“ vergleichen, die die Verhaltensweisen zu einem nicht geringen Grad steuert. Sie ist wie eine Software auf dem Computer.

Die allgemeine menschliche Natur, das, was allen Menschen gemeinsam ist, was genetisch bedingt und nicht erlernt ist, ist analog dazu das Betriebssystem. Dazu gehört vor allen Dingen unsere Fähigkeit, Emotionen zu empfinden, zu beobachten, zu reflektieren und zu kommunizieren oder auch unser Verlangen nach Gesellschaft. Die Art und Weise, wie jemand mit diesen grundlegenden menschlichen Eigenschaften umgeht, wird jedoch stark vom kulturellen Umfeld beeinflusst.

Die Eigenkultur bietet einen vertrauten Rahmen, an dem man sein Verhalten und seine Kommunikationsweise ausrichtet. Sie gibt bestimmte Denk- und Verhaltensmuster für bestimmte Situationen vor. Jeder folgt ganz selbstverständlich der Logik der eigenen kulturellen Software, ohne sich jedoch immer voll bewusst darüber zu sein.

Wer interkulturell kompetent sein möchte, sollte sich seiner mentalen Programmierung bewusst sein. Gleichzeitig sollte er sich klar machen, dass in einer interkulturellen Kommunikationssituation das Gegenüber ebenso von seiner Kultur geprägt ist und sich dadurch im Denken und Verhalten zwangsläufig Unterschiede ergeben.

Ihr habt es in einer interkulturellen Situation also gewissermaßen mit zwei mehr oder weniger unterschiedlichen Programmierungen zu tun, die normalerweise bereits gemeinsame Schnittstellen haben. Bei der interkulturellen Kompetenz geht es darum, mit den Unterschieden konstruktiv umzugehen und dadurch etwas Neues zu erschaffen. Denn das Gute an einer Software ist schließlich, dass sie in ihren einzelnen Komponenten leicht zu verändern und zu erweitern ist.


Erwerb von interkultureller Kompetenz durch ein Auslandsstudium

Interkulturelle Kompetenz bekommt man nur durch Praxis: Ein Studium im Ausland ist optimal!

Doch wie gelingt es nun konkret, sich interkulturelle Kompetenzen anzueignen? Interkulturelle Praxis ist dabei natürlich das A und O, denn mit der grauen Theorie kommt ihr nicht weit. Ein Studium im Ausland ist dafür natürlich perfekt. Schließlich gibt es wohl kaum Orte, an denen eine internationalere Atmosphäre herrscht als an Hochschulen. Hier werdet ihr tagtäglich durch interkulturelle Situation gefordert und gefördert.

Generell verläuft das Erlangen von interkultureller Kompetenz auf drei Ebenen, die in einem Wechselverhältnis stehen:

  • Wissen (kognitiv): Dazu gehören nicht nur Fremdsprachenkenntnisse, sondern auch ein allgemeines Wissen über Kultur (Kulturbegriffe, Kulturdimensionen, Ethno- und Polyzentrismus) sowie ein spezifisches Kulturwissen (Landeskunde, Geschichte der Kultur, Rituale, Symbole und Werte der Kultur). Außerdem auch das Bewusstsein, dass die eigene Kultur die Wahrnehmung und das Verhalten beeinflusst.
  • Fähigkeiten (affektiv): Hierzu zählen ganz grundlegende individuelle und soziale Kompetenzen wie Sensibilität, Empathie, Toleranz, Flexibilität, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur Beobachtung.
  • Fertigkeiten (behaviorial): Dazu gehören Kompetenzen wie ein angemessener Umgang Stress und mit kritischen Situationen, Bewältigungsstrategien bei einem Kulturschock, angemessene Kommunikation.

Interkulturelle Kompetenz erlangen: Tipps für euer Auslandsstudium

Während eures Auslandsstudiums werdet ihr nicht nur Kontakt zu den Einheimischen haben, sondern vermutlich auch jede Menge Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen kennenlernen. Allgemeingültige Kommunikationsregeln gibt es natürlich ebenso wenig wie es „die“ Amerikaner oder „die“ Chinesen gibt. Schließlich hat man es in Gesprächen immer mit Individuen zu tun. Sich Gedanken über die kulturelle Prägung bei einem selbst und beim Gesprächspartner zu machen, ist jedoch immer hilfreich.

Folgende Punkte sind allgemeine Empfehlungen, die beim Erwerb von interkultureller Kompetenz durch ein Auslandsstudium hilfreich sein können:

  • Kulturen haben sich historisch entwickelt. Um Fehlinterpretationen und Missverständnisse zu vermeiden, ist es von Vorteil, sich vor und während des Auslandsstudiums auch mit der Geschichte einer Kultur zu befassen. Der Besuch von religiösen Stätten, Museen und Kulturdenkmälern könnte ein tieferes Verständnis der Gastkultur vermitteln und macht außerdem auch Spaß.
  • Interkulturelle Lernbereitschaft: In jeder interkulturellen Begegnung liegt die Chance, etwas dazuzulernen. Seid neugierig auf Fremdes und bleibt offen. Je offener man mit Fremdheitserfahrungen umgeht, umso eher wird man Vorurteile und stereotype Vorstellungen abbauen. Die eigene Wahrnehmung wird viel differenzierter.
  • Die Möglichkeit von interkulturellen Trainings nutzen, beispielsweise an der Uni.
  • Versuchen, eventuellen Missverständnissen durch Metakommunikation vorzubeugen und lieber noch einmal nachfragen, wenn man etwas nicht verstanden hat.
  • Ambiguitätstoleranz: In der interkulturellen Kommunikation macht nicht alles gleich einen Sinn. Manchmal ist es besser, erst einmal abzuwarten und scheinbare Widersprüche zu akzeptieren.