5 Apr
Erfahrungsbericht von Niklas P.

University of California Berkeley


Stadt: Berkeley
Land: USA
Kontinent: Nordamerika
Studienrichtung: Jura
Studientyp: Auslandssemester
Zeitraum: 08/2021 bis 12/2021
Heimathochschule: Erlangen-Nürnberg U

Hochschule:
Studieninhalte:
Studienbedingungen:
Freizeit:
Spaß:
Kosten:
Gesamtbewertung:

Im Dezember 2021 endete der wohl lehrreichste, abenteuerlichste und schönste Abschnitt meines Jura-Studiums. Von August bis Dezember 2021 verbrachte ich das Herbstsemester an der University of California Berkeley und studierte im Rahmen des LSGAP (Berkeley Legal Studies Global Access Program) das amerikanische Recht in seinen Grundzügen. (Anmerkung der Redaktion: Leider ist das LSGAP an der UC Berkeley auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, so dass Bewerbungen hierfür derzeit nicht möglich sind.)

Der nachfolgende Bericht ist in drei Teile gegliedert: Die Vorbereitung des Vorhabens, Studieren an der UC Berkeley und Leben in Berkeley.

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Vorbereitung

Zunächst einmal stellt sich für Jura-Studierende die Frage, welcher Zeitpunkt im Studium sich am besten für ein Auslandssemester eignet. Ich selbst habe den Abschluss des Hauptstudiums gewählt (also nach Absolvieren der Zwischenprüfung und der Übungen für Fortgeschrittene), der in meinem Fall auf das sechste Semester fiel. Dadurch nahm ich das Auslandssemester als erfrischende und motivierende Abwechslung vor dem Eintritt in die Examensvorbereitung wahr.

Aufgrund des angespannten Pandemiesituation im Frühjahr 2021 war nicht klar, welche von meiner Heimatuniversität (FAU Erlangen) organisierten Austauschangebote tatsächlich stattfinden würden. Zudem waren Erasmus-Fristen für den Winter 21/22 bereits verstrichen, als ich mich entschloss, mein siebtes Semester im Ausland zu verbringen. Deshalb war ich auf Selbstorganisation als Free Mover angewiesen.


Bewerbung

In meiner Recherche stieß ich auf das Berkeley Legal Studies Global Access Program, ein Zertifikatsprogramm in Kooperation mit der Berkeley Law School, das ambitionierten internationalen Studierenden ermöglicht, an der UC Berkeley Einblicke in das amerikanische Recht zu erlangen. Zur Bewerbung für das Programm musste ich ein Motivationsschreiben, meinen Notenspiegel in englischer und deutscher Sprache, einen Finanznachweis und einen englischen Sprachnachweis (C1) einreichen. Außerdem reichte ich für ein im Rahmen des Programms angebotenes Stipendium, das meine Studiengebühren um 5000 $ reduzierte, einen Essay und ein Empfehlungsschreiben eines meiner Professoren ein. Die Beschaffung dieser Unterlagen stellte sich als teilweise sehr aufwändig heraus und dauerte mehrere Wochen (Sammeln der finanziellen Mittel auf einem Konto und Bescheinigung durch die Bank, Übersetzung des Notenspiegels und Bestätigung durch zuständige Person an der Universität, Terminierung eines Sprachtests etc.). Deshalb empfehle ich, so früh wie möglich mit dem Sammeln der Bewerbungsunterlagen zu beginnen.


Visum und Wohnungssuche

Nachdem ich die Zusagen für mein Auslandsvorhaben und das Berkeley Stipendium erhielt, stand als nächstes auf der Agenda, sich um ein Visum zu kümmern und eine Wohnung in Berkeley zu finden (Eine Krankenversicherung wurde von der Universität gestellt.).

Der Visumsbeschaffungsprozess ist ein weiteres aufwendiges Verfahren, an dessen Ende ich zu einem kurzen Interview in der US-Botschaft in Berlin erscheinen musste. Auch hier gilt: Je früher man den Visumsantrag stellt desto besser, da die Interviewtermine häufig weit im Voraus ausgebucht sind. Jedoch war es mir über einen Notfalltermin möglich, auch noch kurzfristig mein Visum bewilligt zu bekommen.

Bezüglich der Wohnungssuche kann ich nur vorwarnen: Wohnen in Berkeley ist teuer. Selbst im für amerikanische Studierende typischen Dorm-Style, bei dem sich Zimmer geteilt werden, sollte man damit rechnen, mehr zu zahlen, als man aus Deutschland gewöhnt ist. Deshalb: Um eine möglichst preiswerte Unterbringung zu finden, rechtzeitig mit der Suche starten! Die Universität unterstützte die Wohnungssuche insoweit, als sie Tipps und Portale zur Verfügung stellte. Diese sollte man unbedingt sorgfältig durchlesen, um etwa nicht auf Scams hereinzufallen und zu wissen, was sichergestellt sein sollte, bevor man einen Mietvertrag unterzeichnet. Letztlich fand ich eine WG in einem von internationalen Studierenden bewohnten Haus, in der ich mir mit einem anderen Stipendiaten der Studienstiftung ein Zimmer teilte. Als WG-Sprache einigten wir uns trotzdem auf Englisch, um unserem amerikanischen Mitbewohner die Integration in Unterhaltungen zu erleichtern und unsere eigenen Sprachkenntnisse zu verbessern.

Während der gesamten Vorbereitungsphase von Recherche bis hin zur Visumsbewilligung wurde ich sehr hilfreich kostenfrei von College Contact (offizieller deutscher Repräsentant für zahlreiche Hochschulen weltweit) unterstützt. Die Wahrnehmung dieses Service empfehle ich allen Free Movern weiter. Ein sehr netter und kompetenter Betreuer (Elias Merkel) beantwortete mir alle meine Fragen mit seiner Erfahrung und nahm mir dadurch viele meiner Sorgen (z.B. bekomme ich noch rechtzeitig einen Termin für das Visums-Interview, wie steht es um die Krankenversicherung etc.).

Zur Vorbereitung auf die Einreise in die USA, die Wohnungssuche, das Studieren und Leben im Berkeley verlangte die UC Berkeley im Vorhinein die Teilnahme an einem Online-Kurs, in dem alles Wesentliche vermittelt wurde. Auch während der ersten Wochen vor Ort nutzte ich diesen immer wieder, um mich zurechtzufinden.


Kosten

Studieren und Leben in Berkeley ist teuer. Deshalb sollte unbedingt im Vorhinein sichergestellt sein, dass genügend Geld für die Auslandszeit vorhanden ist. Es ist nämlich nicht erlaubt, mit einem Studierenden-Visum außerhalb des Campus zu arbeiten. Da Ansprüche an den eigenen Lebensstandard und geplante Reisen von Person zu Person variieren, ist es mir hier nicht möglich, eine bestimmte Summe als empfehlenswert in den Raum zu stellen.


Studieren an der UC Berkeley

Das Studium an der UC Berkeley war eine einzigartige Erfahrung. Als einer der sechs Programmteilnehmer*innen des Legal Studies Global Access Program waren für mich drei zu belegende Kurse bereits im Vorhinein festgesetzt (Legal Writing, Foundations of Legal Studies und Supreme Court and Public Policy). Zusätzlich konnten wir ein Fach aus dem gesamten Kurskatalog der UC Berkeley wählen.


Kurswahl

Nachdem ich mir zahlreiche Fächer in den ersten Wochen angehört habe, entschied ich mich für Crime and Criminal Justice, um das deutsche Strafrecht (mein aktueller Schwerpunkt) in seinen Grundzügen mit dem amerikanischen vergleichen zu können. Dabei möchte ich darauf hinweisen, dass keine Kurse aus dem Curriculum der Law School belegt werden konnten, sondern „nur“ aus Kursen des Majors Legal Studies, die jedoch auch von den angesehenen Professoren der Law School unterrichtet werden. Das Legal Studies Department an der UC Berkeley gehört zur Law School, dessen Kurse unterscheiden sich jedoch von den klassischen Law School Kursen zumeist insofern, als sie einen interdisziplinären Bezug aufweisen. Dabei sind die oben aufgelisteten Grundlagenfächer, deren Besuch verpflichtend war, besonders gut dazu geeignet, Studierenden, die zunächst nur für ein Semester das amerikanische Recht studieren, die Funktionsweise des amerikanischen Rechtssystems mit seinen Besonderheiten zu vermitteln (case law, adversarial system, Staatsorganisation etc.).


Studienalltag

Bezüglich der Lehre möchte ich hervorheben, dass das Verhältnis zu den Lehrenden deutlich vertrauter war, als ich es von meiner Heimatuniversität gewöhnt war. Mit allen Lehrenden habe ich mindestens einmal einen Kaffee getrunken und es war keine Seltenheit, auch nach den Vorlesungen Gespräche zu führen und über Unterschiede des deutschen und amerikanischen Rechts zu diskutieren.

Das Studienumfeld war insgesamt sehr motivierend und bereichernd. Die einzigartige Architektur der Bibliotheken verwandelte die Lernphasen beinahe in Sightseeing, das Engagement und die Hilfsbereitschaft anderer Studierenden war geradezu mitreißend und die Campuskultur sorgte für den nötigen kulturellen Ausgleich etwa mit Sportevents, Demonstrationen und Ausstellungen.

Im Unterschied zum deutschen System war das amerikanische Kurssystem deutlich verschulter: Es gab jede Woche Deadlines, die einzuhalten waren und die Kursnoten bestanden nicht lediglich aus einer einzelnen Abschlussklausur, sondern setzte sich aus Midterm-Exams, Final-Exams, Mitarbeit und Hausarbeiten zusammen. Den abverlangten Arbeitsaufwand empfand ich als hoch, aber gut bewältigbar. Das Niveau des inhaltlich Gelehrten und Geprüften nahm ich zu keinem Zeitpunkt als überfordernd wahr (meine Kursnoten: A, A, A, A; GPA: 4.0), sodass es gut möglich ist, den Zertifikatsanforderungen zu genügen.

Außerhalb des Vorlesungssaals bot die Universität viel zusätzliche Bereicherung: Im Rahmen des LSGAP hatten wir mehrere Mittagessen mit von uns gewählten Gästen. So diskutierten wir etwa mit der bekannten Strafrechtsprofessorin, Andrea Roth, über Modernisierungsoptionen im Strafprozess. Außerdem verfolgten wir Gerichtsverhandlungen in Präsenz und führten Gespräche mit Richtern und einer Law Clinic. Des Weiteren engagierte ich mich im Berkeley Journal of Criminal Law als Blog Editor und erhielt dadurch vertiefte Einblicke in kontroverse Entwicklungen des amerikanischen Strafrechts. Generell würde ich die Möglichkeiten, sich in Studentenorganisationen und außerhalb des Vorlesungssaals zu engagieren als sehr vielseitig bezeichnen.

Abschließend möchte ich festhalten, dass meine Teilnahme am Berkeley Legal Studies Global Access Program meine Sicht auf das deutsche Rechtssystem grundlegend verändert hat. Da ich diesen Erfahrungsbericht als einen praktischen Ratgeber mit einer Zusammenfassung meiner Eindrücke verstehe, führe ich an dieser Stelle nicht inhaltlich aus, inwiefern sich mein Rechtsverständnis und meine Meinung bezüglich bestimmter Fragestellungen entwickelt hat. Jedoch ist es erwähnenswert, dass die intensive und vielseitige Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Recht im Rahmen der Lehrveranstaltungen dazu geführt hat, dass ich in Zukunft meine Kenntnisse des amerikanischen Rechts erweitern und vertiefen möchte (etwa im Rahmen eines LL.M. Studiums).


Leben in Berkeley

Ein Großteil des Soziallebens in Berkeley spielt sich auf dem Campus und in dessen näherer Umgebung ab, weshalb es sich empfiehlt, eine Wohnung so nah am Campus wie möglich zu finden (auf dem Campus dürfen internationale Studierende aus Kapazitätsgründen leider nicht wohnen). Ich selbst habe ich Downtown gewohnt, aber kann Southside als weiteren belebten Stadtteil gleichermaßen empfehlen.

Eine gute Möglichkeit, amerikanische Studierende aus anderen Studiengängen kennenzulernen ist die Wahrnehmung von Sportangeboten der Universität. So habe ich mich für die universitätsinterne Fußballliga angemeldet und konnte dort zahlreiche neue Kontakte knüpfen.

An den Wochenenden unternahm ich mit befreundeten Studierenden zahlreiche Ausflüge nach San Francisco (ca. 30 Minuten mit der BART von Berkeley Downtown), Yosemite National Park, Big Sur, Santa Cruz, Los Angeles, San Diego etc. Kalifornien (aber auch die Bay Area allein) hat so viele mögliche Ausflugsziele zu bieten, dass sich eine rechtzeitige Planung empfiehlt, um möglichst viel zu erleben. Jedoch sollte im Rahmen dieser Planung ein gewisses Maß an Flexibilität berücksichtigt sein, um genug Zeit für die Universität und die Pflege von neuen Kontakten zu haben.

Eines meiner sozialen Highlights aus der Zeit in Berkeley war das Footballderby von Cal (Spitzname der UC Berkeley) gegen Stanford. Die Stimmung vor und nach diesem legendären Duell, auf das sich beide Universitäten jedes Jahr aufs Neue bereits Wochen im Voraus einstimmen und vorbereiten, war ein unvergleichliches Erlebnis, bei dem mir die starke Verbundenheit der Berkeley Studierenden mit der Universität bewusst wurde.


Fazit

Mein Auslandsstudium an der UC Berkeley hat meine Erwartungen an das Studium an einer der renommiertesten amerikanischen Universitäten in vielerlei Hinsicht nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen.

Qualitativ hochwertige Lehre, ein hochproduktives Umfeld und die Vielfalt an akademischen, aber auch kulturellen Angeboten motivierten mich sowohl für das Studium vor Ort als auch mein weiteres Studium in Deutschland. Zudem konnte ich mir ein einzigartiges internationales Netzwerk mit Kontakten in die ganze Welt aufbauen. Deshalb kann ich nur jedem empfehlen, der ein Auslandssemester in Erwägung zieht, sich an der UC Berkeley zu bewerben.