
© Olga E.
Olga Elli ist Associate Director of Engagement Europe bei Education New Zealand, einer neuseeländischen Regierungsorganisation, die unter dem Dach der Botschaft von Neuseeland angesiedelt ist. Damit ist sie eine ideale Ansprechpartnerin, wenn es um alles rund ums Studium und den Alltag in diesem faszinierenden Land geht.
In diesem Monat haben wir mit ihr über das Auslandsstudium in Neuseeland gesprochen, und dabei spannende Einblicke, persönliche Erfahrungen und den ein oder anderen praktischen Tipp von ihr erfahren.
College Contact:
Fangen wir einfach mal von ganz vorne an. Welchen Bezug hast du zu Neuseeland und wie bist du dazu gekommen, bei Education New Zealand zu arbeiten?
Olga Elli:
Ich habe, wie so viele Deutsche, ein Work & Holiday in Neuseeland gemacht. Das war direkt nach meinem Studium im Jahr 2013 und da habe ich die meiste Zeit in Nelson verbracht – ein wunderschönes, nicht allzu großes Städtchen im Norden der Südinsel.
Ich habe dort ein Praktikum gemacht und bin auch gereist – überwiegend auf der Südinsel – und dann gegen Ende meines Aufenthaltes auf eine Stelle bei Education New Zealand gestoßen. Die haben damals jemanden für Berlin gesucht, und eigentlich auch nur für ein halbes Jahr. Na ja, aber wie das halt so ist – aus sechs Monaten wurden jetzt schon zwölf Jahre.
College Contact:
Hast du selbst Studienerfahrungen dort gemacht?
Olga Elli:
In Neuseeland leider nicht. Während meines Studiums in Deutschland war ich zweimal im Ausland: einmal in Leicester, also UK, als Teil meines Anglistikstudiums. Und da meine zweite Sprache Spanisch war, bot sich ein Semester im Land natürlich auch an. Meine Wahl fiel auf die schöne Hauptstadt Madrid.
College Contact:
Ich war selbst für ein Work & Travel in Neuseeland, aber ebenfalls nicht fürs Studium. Das ist glaube ich weit verbreitet: Sehr viele Leute wollen wahnsinnig gerne nach Neuseeland zum Reisen und auch gerne für einen längeren Zeitraum, aber als Ziel für ein Auslandsstudium ist es weniger nachgefragt. Sogar im Vergleich zu sehr ähnlichen Ländern wie zum Beispiel Australien. Woher kommt das eigentlich? Was ist da deine Einschätzung?
Olga Elli:
Ich glaube, für viele ist Neuseeland ein Sehnsuchtsland, aber eben eines, das in erster Linie mit den vielen Outdoor-Möglichkeiten und der atemberaubenden Natur verbunden wird, wie sie in den „Der Herr der Ringe“-Filmen gezeigt wird. Die akademischen Möglichkeiten sind da weniger im Vordergrund.
Neuseeland hat acht sehr starke Universitäten, aber Australien hat etwa fünfmal so viele Hochschulen und damit ganz andere Möglichkeiten, in dieser Sache Werbung für sich zu machen.

© Lincoln University
College Contact:
Es hat also weniger damit zu tun, was die Unis von sich aus anbieten können, sondern dass es eher ein Marketingproblem ist? Positiv gesehen könnte man dann ja sagen, dass Neuseeland so etwas wie ein Geheimtipp ist.
Olga Elli:
Sicherlich. Es ist nicht so, dass man in Neuseeland weniger bekommt, aber es ist üblicher, dass diejenigen, die sich sowieso schon mit dem Land beschäftigt haben, denken: „Oh ja, klar, man kann da ja auch studieren.“ Es fehlt ein Bewusstsein für die Machbarkeit, und dass das Angebot wirklich erstklassig ist.
College Contact:
Welche akademischen Vorteile bieten die Unis denn überhaupt?
Olga Elli:
Man kann schon einmal damit anfangen, dass alle acht Unis laut den QS World University Rankings zu den 500 besten Universitäten der Welt zählen. Das sagt schon etwas über das Bildungssystem in Neuseeland aus, finde ich.
College Contact:
Das ist wirklich ein ziemlich guter Schnitt. Es gibt viele Universitäten, die aktiv damit werben, dass sie zu den 500 besten in den QS World University Rankings zählen – und in Neuseeland ist das einfach die Norm.
Olga Elli:
Das Angebot ist dabei auch sehr breit. Man kann in Neuseeland eigentlich alles studieren. Die Abschlüsse sind weltweit anerkannt und sehr praxisnah ausgelegt. Es gibt viele Fallstudien, es gibt viel Gruppenarbeit und die Behandlung von Problemen aus der echten Welt. Dabei ist Neuseeland noch dazu ein recht kleines Land, was bedeutet, dass verschiedene Sektoren schnell miteinander verknüpfen: Zwischen Lehre an Universitäten, Forschung, staatlichen Strukturen, Startups oder großen Firmen sind die Distanzen nicht so weit und es kommt viel schneller zu einer Bildung von Netzwerken und Kooperationen.
Der Umgang an den Hochschulen ist viel persönlicher und für Dozierende ist man nicht einfach nur eine Nummer. Studierende werden wirklich gehört und individuell betreut.
Die Orientation Weeks sind in dem Zusammenhang auch wirklich phänomenal. Man bekommt so viel geboten, man wird so gut vernetzt. Die Unis tun ihr Bestmöglichstes dafür, dass man gut ankommt und auch gleich am Anfang Kontakte knüpfen kann. Aber auch später gibt es Beratungsangebote wie einen Career Support oder diverse Formen von Counseling, wenn man mal Schwierigkeiten hat.
Das ist auch mit dem Pastoral Care Code of Practice strukturell angelegt: Jede Einrichtung, die auch nur einen Studierenden aus dem Ausland aufnimmt, und sei sie noch so klein, muss diesen Code of Practice unterschreiben und Mechanismen und Strukturen anbieten, um das Wohlergehen der Studierenden zu jeder Zeit zu gewährleisten. Das nehmen sich alle Einrichtungen zu Herzen, und das wird in Neuseeland wirklich großgeschrieben.
College Contact:
Gibt es bestimmte Fachbereiche, für die es sich besonders lohnt, nach Neuseeland zu gehen?
Olga Elli:
Der Agriculture-Bereich oder Food Science sind Bereiche, die stark im Kommen sind. Es gibt in Neuseeland einfach viel Landwirtschaft wie Viehzucht, aber auch Weinbau ist sehr stark aufgestellt und modern. Die Technologisierung der Agrarbetriebe ist in Neuseeland extrem innovativ; hier wird viel Software in dem Bereich entwickelt, die auch in Deutschland und vielen anderen Ländern genutzt wird. Da sind z.B. die Lincoln University und die Massey University sehr gut aufgestellt.
Wegen Neuseelands Lage, und weil es ein Inselstaat ist, sind natürlich verschiedene Zweige der Biologie wie Meeresforschung ein absolutes Paradies, aber auch Umweltwissenschaften oder Sustainability.
Und natürlich hat sich Neuseeland auch im Bereich Film international einen Namen gemacht. Also Film Production, Animation, Design … das ist etwas, was Neuseeland gut kann.

© University of Otago
College Contact:
Auckland ist eine Stadt, die die meisten Leute sofort mit Neuseeland verbinden, weil es die größte und bekannteste Stadt ist. Und danach kommen vielleicht noch Wellington und Christchurch. Aber es gibt ja Unis auch abseits davon. Magst du vielleicht eine Lanze brechen für diese etwas unbekannteren Standorte?
Olga Elli:
Hamilton ist sehr spannend, weil es dort eine unglaublich große Māori-Community gibt. Das ist nicht nur relevant, wenn man Ethnologie, Indigenous Studies oder ähnliches studiert, sondern beeinflusst auch andere Fächer auf eine sehr interessante Weise.
In kleineren Städten sind die Lebenshaltungskosten auch noch ein Stück niedriger, was vielleicht ein interessanter Aspekt ist. Die University of Waikato hat sich über die letzten Jahre auch richtig gut gemacht. Entsprechend ist sie auch bei den einheimischen Studierenden sehr beliebt geworden.
Dunedin im Süden sollte man natürlich auch auf jeden Fall erwähnen! Das ist eine Studentenstadt durch und durch. Die University of Otago dort ist die älteste Universität Neuseelands und die Stadt hat einen starken schottischen Einfluss. Die Umgebung ist auch ein absolutes Outdoor-Paradies: nicht weit weg von den Bergen, aber gleichzeitig gibt es tolle Strände. Wer die vier klassischen Jahreszeiten bevorzugt, der ist in der Dunedin auch gut aufgehoben. Schnee im Winter, Sonne im Sommer und klassischen Frühling und Herbst als Übergang – das ist auf der Nordinsel wiederum ziemlich unüblich.
Die Nordinsel bekommt generell immer viel Aufmerksamkeit durch Auckland und Wellington. Aber Christchurch ist auch extrem im Kommen. Dort zu leben, ist noch immer etwas günstiger, und seit dem Erdbeben 2011 wurde sehr viel aufgebaut und modernisiert.
College Contact:
Da wir gerade schon die Unterschiede zwischen der Nord- und Südinsel besprechen: Man sollte wissen, dass die beiden Inseln einen eigenen Charakter haben. Kannst du etwas mehr darüber sagen, worin die Unterschiede bestehen, vor allem, wenn sich Studierende unsicher sind, was besser zu ihnen passt?
Olga Elli:
Das ist gar nicht so einfach. Zum einen sind sie unterschiedlich stark besiedelt. Die meisten Neuseeländer wohnen auf der Nordinsel, da gibt es definitiv mehr Menschen. Auf der Südinsel lebt etwa eine Million Menschen, vielleicht ein bisschen mehr. Die restlichen vier Millionen leben auf der Nordinsel.
Ein weiterer Unterschied ist das Wetter: Man kann grob sagen, dass das Klima auf der Nordinsel etwas milder ist, und je höher man geht, desto wärmer wird es. Wer Schnee sucht und ein Fan von Wintersportarten ist, der ist definitiv auf der Südinsel besser aufgehoben.
Die Südinsel ist auch landschaftlich sehr vielfältig. Wenn man Auto fährt, sieht man fast jede Stunde völlig neue Landschaften und wird regelmäßig überrascht und ein bisschen überwältigt: Nelson, Lake Tekapo, die schönen Fjorde – und Queenstown fand ich auch richtig toll. Letzteres ist natürlich sehr touristisch, aber man sollte dort einfach einmal gewesen sein und die ganzen Sachen wie Bungee-Jumping oder Skydiving ausprobiert haben. Die Südinsel ist definitiv super geeignet für Abenteurer und Adrenalin-Junkies!

© Shutterstock / Konrad Mostert
Was mir auch richtig viel Spaß gemacht hat, war Delfinschwimmen und Whale Watching in Kaikoura. Man kann einfach ins Meer springen und ist dann umgeben von Delfinen.
Auf der Nordinsel gehört Tongariro Crossing in der Region um Taupo zu den absoluten Must-Dos, weil wir in Deutschland nichts Vergleichbares haben.
Für klassische Warmwetter-Strand-Fans sind die Bay of Plenty oder das Northland empfehlenswert.
Meine Lieblingsorte waren aber in der Nähe von Nelson: Der Able Tasman National Park und die Golden Bay. Da ist die Zeit stehen geblieben, so schön war das!
College Contact:
Zum Abschluss: Gibt es Tipps, die du Studierenden für Neuseeland immer mit auf den Weg geben würdest?
Olga Elli:
Neuseeland ist im Verhältnis zu den USA oder Australien natürlich viel, viel kleiner. Gerade deshalb sollte man sich die Zeit nehmen und reisen. Wenn man einen ausgedehnten Roadtrip macht, kann man weite Teile des Landes ausführlich erkunden. Das ist tatsächlich eine Möglichkeit, die viel größere Länder so gar nicht bieten. Da kann man immer nur Zipfel erkunden. Neuseeland kann man als Land insgesamt tatsächlich ziemlich gut kennenlernen.
Deswegen würde ich definitiv einen Roadtrip empfehlen, ob es jetzt die Nord- oder die Südinsel ist, oder idealerweise beide Inseln. Man sollte sich mindestens 2-3 Wochen Zeit nehmen, verschiedene Orte ansehen und mit den Menschen in Kontakt kommen.
Von der kulturellen Seite würde ich empfehlen, dass man sich ein bisschen in die Māori-Kultur einliest und ein Marae besucht, eine heilige Versammlungsstätte der Māori. Offen sein, mit Menschen sprechen, viel reisen und sich ein Rugbyspiel anschauen. Das Te Papa Nationalmuseum in Wellington sollte man auch unbedingt besuchen. Da lernt man einfach so viel über Neuseeland als Land, über die Kultur und die Besonderheiten.
Generell würde ich empfehlen, sich auf Situationen einzulassen – einfach mal „Ja, wieso eigentlich nicht?“ sagen, und dann mitgehen.
College Contact:
Danke für das Gespräch! Das hat bei mir selbst wieder richtig Fernweh geweckt!
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