Aufenthaltsvorbereitung
Da es an meinem Fachbereich keine ERASMUS-Kooperation gibt, die ein Studium in Irland ermöglicht, habe ich mein Auslandssemester selbst organisiert. Ich habe Irland als Zielland gewählt, da es zum einen ein englischsprachiger EU-Mitgliedstaat ist und sehr gute Studienmöglichkeiten bietet. Zudem finde ich die Geschichte dieses Landes sehr spannend.
Ich bewarb mich daher sowohl beim University College Dublin (UCD) als auch beim Trinity College Dublin (TCD). Bei beiden handelt es sich um renommierte Universitäten mit einem großen Anteil ausländischer Studierender. Das TCD ist meines Erachtens eine altehrwürdige Universität nach dem Vorbild von Oxford (und im Übrigen daher auch touristisch interessant), während das UCD eher ein modernes Image pflegt und einen Fokus auf die naturwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fachbereiche legt. Das TCD scheint hingegen eher einen Fokus auf Geisteswissenschaften, Sprachen und Kunst zu legen.
Beim UCD bewarb ich mich über „College Contact“, welche als Partner des UCDs bei Auslandssemestern fungiert. Eine direkte Bewerbung ist zwar auch möglich, allerdings ist die Bewerbung über „College Contact“ zu empfehlen. Es kann nämlich von Vorteil sein, sich mit jemandem austauschen zu können, der den Bewerbungsprozess kennt. Beim TCD habe ich mich direkt beworben. Die Bewerbungsfristen beider Universitäten liegen deutlich später als die für ERASMUS geltenden. So öffnet die Bewerbungsphase für das Herbsttrimester etwa im Januar und geht bis Anfang Mai. Das Herbsttrimester findet hierbei von Anfang September bis Ende Dezember statt.
Da mein Auslandssemester selbst organisiert war, musste ich auch die Anerkennung der Kurse, die ich belegen wollte, selbst abklären. Dabei war die Kommunikation mit dem UCD (Science Office) erstaunlich schnell. So erhielt ich in der Regel noch am selben Tag eine Antwort. Die Kurswahl beim UCD ist (zumindest für Naturwissenschaftler) sehr flexibel, da man als Gast der School of Science studiert. Somit war für mich nur vorgeschrieben, dass ich 50% der Creditpoints in den Naturwissenschaften absolvieren muss. Am TCD herrscht eine ähnliche Aufteilung der Fachbereiche wie in Deutschland. Ich hätte daher 50% der Creditpoints im Fachbereich Physik absolvieren müssen. Das klingt zunächst nach keiner wirklichen Einschränkung, schließlich studiere ich Physik. Allerdings hat man üblicherweise bis zum fünften Semester bereits fast alle Pflichtveranstaltungen absolviert. Daher habe ich tatsächlich die Mehrheit meiner CP außerhalb der Physik absolviert.
Im März bekam ich ein Angebot vom UCD. Auch das TCD hätte mich angenommen – ich bekam das Angebot im Juni – ich hatte mich aber bereits vorher für das UCD entschieden.
Unterkunft
Mit dem Angebot des UCDs begann für mich die Suche nach einer Unterkunft. Hierzu muss man sagen, dass der Wohnungsmarkt in Dublin extrem angespannt ist. Daher sind Preise von 800€ (meist Unterbringung bei Familien in den Suburbs oder ein zu teilendes Zimmer) bis 1800€ pro Monat normal. Ein Zimmer in einem Studentenwohnheim auf dem Campus ist eine der praktischsten Unterbringungsformen. Glücklicherweise erhielt ich eines dieser wenigen, begehrten Zimmer.
Im Allgemeinen bietet das UCD allerdings auch Informationsveranstaltungen zum Wohnen in Dublin für neue Studierende an und betreibt ein exklusives Portal zum Mieten bei Privatleuten. Meine Erfahrungen mit privaten Wohnheimen sind, dass man hier direkt, nachdem man das Angebot einer Universität erhalten hat, zuschlagen sollte, wenn man dies in Betracht zieht. So habe ich auf diesem Weg erst geschaut, als ich mich bereits auf einen UCD-Wohnheimplatz beworben hatte, und nichts mehr gefunden.
Akademischer Gewinn
Ich wählte 6 Kurse mit je 5 CP aus den Bereichen Makroökonomik, Informatik, Mathe und Physik. Ein Ziel meines Auslandssemesters war es, mich so eingehender mit KI und Data Science zu beschäftigen. Dabei gab mir „Introduction to AI“ einen guten theoretischen Überblick über das Themenfeld, während ich in „Data Science in Python“ einen Teil dieses Wissens anwenden konnte. Tatsächlich war ich sehr positiv überrascht, wie gut diese Kombination zusammenpasste. Diese Zusammensetzung der Kurse war also ein großer Gewinn des Auslandssemesters.
Allerdings muss hier ein Sachverhalt erwähnt werden, der sich im Gespräch mit anderen Auslandsstudierenden bestätigte: Die Kurse aus dem MINT-Bereich sind in Irland deutlich weniger mathematisch und haben eher einen Fokus auf intuitives Verständnis. Besonders gravierend ist diese Tatsache im Fachbereich Physik, da, anders als in Deutschland, nicht klar zwischen theoretischer Physik und Experimentalphysik getrennt wird. Dies ist natürlich ein Vorteil, weil das intuitive Verständnis gefördert wird und die theoretische Tiefe im späteren (Berufs-)Leben eine kleinere Rolle spielt. Will man allerdings in einem dieser Themenfelder in Deutschland wieder Anschluss finden oder, wie ich, eine Bachelorarbeit schreiben will, muss Zeit investiert werden, um die mathematische Tiefe wieder anzugleichen. Dabei handelt es sich meines Erachtens um kein wirkliches Problem, es sollte aber bei der weiteren Studienverlaufsplanung berücksichtigt werden.
Freizeitgestaltung, Tipps und Wissenswertes
Der öffentliche Nahverkehr in Dublin besteht primär aus Bussen sowie aus dem DART – quasi einer S-Bahnlinie an der Küste – und dem LUAS – einer Tram mit einer Nord-Süd- und einer Ost-West-Linie. Der Nahverkehr wird mit der sogenannten Leap-Card oder mit passendem Kleingeld (es gibt kein Rückgeld) bezahlt. Es gibt vergünstigte Karten für Studierende, mit denen man den Nahverkehr 90 Minuten lang für einen Euro nutzt. Die Maximalkosten sind auf 6 Euro pro Tag begrenzt. Der Nahverkehr ist somit ziemlich günstig, allerdings sind die Busse auch eher unzuverlässig. Wobei die Nord-Süd-Anbindung des UCDs, die auch in die Innenstadt führt, zuverlässiger ist als die Ost-West-Anbindung des Campus.
Je nachdem, wo man wohnt, kann es Sinn ergeben, sich am Anfang des Aufenthalts ein Fahrrad zu kaufen. Dies kann auch wegen der Größe des Campus für Studierende einiger Studienfächer sinnvoll sein. Zumal aufeinanderfolgende Vorlesungen nur einen Abstand von 10 Minuten haben. Dies galt zum Beispiel auch für mich, da die Physik noch nicht in das zentral gelegene Science Building ziehen konnte. Ein Fahrrad ist auch zum Einkaufen praktisch, da es nur eine recht teure Einkaufsmöglichkeit auf dem Campus gibt und man sonst auf die Busse angewiesen ist.
Während der öffentliche Nahverkehr oft zu wünschen übrig lässt, sind die Züge zwischen den größeren Städten ziemlich zuverlässig und pünktlich, was für Städte-Tripps sehr praktisch ist.
Dublin ist zwar eine sehr teure Stadt, allerdings sind Museumsbesuche meist kostenlos, sofern diese in öffentlicher Hand sind. Ich kann hier vor allem die Abteilung des National Museums für Archäologie, die Nationalgalerie, Abteilung des National Museums für Militärgeschichte (besonders interessant wegen dem Easter Rising und dem Unabhängigkeitskrieg) und das Museum im Kilmainham Gaol empfehlen. Das Kilmainham Gaol ist ein Gefängnis, das sehr viel irische Geschichte – von der großen Hungersnot bis zum Bürgerkrieg – miterlebt hat. Ebenfalls zu empfehlen ist der botanische Garten in Glasnevin.
Auch einige private Museen und Einrichtungen sind sehr zu empfehlen. Zum einen das Museum im General Post Office, das vom Easter Rising erzählt (das GPO diente den Rebellen als Hauptquartier), „Malahide Castle and Garden“, ein historisches Anwesen mit großem Garten, sowie das National Leprechaun Museum.
Irland ist natürlich vor allem für seine Landschaft bekannt. Es gibt daher auch einige sehr lohnende Wanderungen und Spaziergänge in und um Dublin, die man auch ohne Auto gut erreichen kann. Das sind zum einen der Howth Cliff-walk (Howth ist eine Halbinsel nördlich der Stadt), der Brays Head Cliffwalk (Bray ist eine Kleinstadt südlich von Dublin) sowie Spaziergänge durch den größten Stadtpark Europas, den Phoenixpark.
Irland ist bekanntermaßen auch ein gutes Land für Roadtrips. Auf diese Weise habe ich die Connemara (eine besonders ursprüngliche Region im Westen), County Kerry und County Donegal besucht. Einen Trip in die Connemara lässt sich gut mit einem Besuch der Cliffs of Moher und der Stadt Galway verbinden. In Kerry sind die Cliffs of Kerry und die Gap of Dunlow besonders sehenswert. Zudem befindet sich hier der höchste Berg Irlands, den ich bei dieser Gelegenheit bestiegen habe. Landschaftlich ist dies auf jeden Fall zu empfehlen, doch sind die Wege extrem anspruchsvoll. In Donegal befinden sich die steilsten Klippen Irlands (am Berg Slieve League) sowie der nördlichste Punkt der Insel, welcher eine atemberaubend schöne Landschaft aufweist. Ich habe den Trip nach Donegal mit einem Abstecher zum Giants Causeway (einer berühmten Basaltformation) und nach Derry kombiniert, was ich sehr empfehlen kann.
Ein weiterer wichtiger Faktor zur Freizeitgestaltung waren auch die Societies am UCD. So gibt es eine große Zahl an studentischen Organisationen, die während des Semesters zahlreiche Veranstaltungen organisieren. Ich bin der Film Society, der Game Society und der Law Society beigetreten. Die Film Society zeigt unter anderem jede Woche zwei Filme im Campuskino. Die Game Society organisiert Spielevents zu verschiedenen Themen, vermittelt auch Gruppen für Rollenspiele wie DnD und hat auch eine E-Sports-Abteilung. Der Law Society bin ich beigetreten, da sie wöchentlich Podiumsdiskussionen zu unterschiedlichen Themen veranstaltet und ich so etwas vom politischen Denken der irischen Studierenden mitbekam.
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Persönlicher Gewinn
Vor Antritt meines Auslandssemesters hatte ich, wie es für so etwas nicht unüblich ist, einige Sorgen, wie es wohl werden wird. Es stellte sich aber schon während der Orientierungsveranstaltungen heraus, dass diese Sorgen völlig unbegründet waren. Durch das Leben auf dem Campus lernte ich viele Leute aus aller Welt kennen und schloss auf gemeinsamen Ausflügen so manche Freundschaft. Gerade in einer Gruppe mit Leuten aus Neuseeland, Australien, den USA und Deutschland haben wir leidenschaftlich diskutiert und unsere Positionen ausgetauscht. Zudem konnte ich beim gemeinsamen Kochen und Essen Einblicke in viele Kulturen, wie die irische, indische, indonesische, chinesische, neuseeländische, australische, amerikanische und viele weitere, erhalten.
Natürlich konnte ich auch mein Englisch üben und verbessern. Ich freue mich sehr darüber, dass ich eigentlich nie sprachliche Probleme hatte. Ferner fand ich den interdisziplinären Kontakt mit anderen Studierenden sehr bereichernd.
Durch den Austausch mit anderen, aber auch meine Museumsbesuche und die Diskussionen der Law Society habe ich das Gefühl, Irland wirklich kennen gelernt zu haben. Zudem habe ich dadurch eine neue Perspektive auf meine Heimat erlangt. So gibt es Dinge, die in Deutschland besser laufen, wie der doch so oft kritisierte öffentliche Nahverkehr, Dinge, die in Irland besser laufen zu scheinen, wie das Schulsystem und das Drumherum des Studierens und Dinge, bei denen Irland für uns eine Warnung sein sollte, wie der Wohnungsmarkt.
Enttäuschungen
Wie es im Text schon anklingt, habe ich keine wesentlichen Enttäuschungen erlebt.
Fazit
Insgesamt kann ich ein Auslandssemester in Irland und am UCD im Speziellen sehr empfehlen. Ich konnte hierbei viele tolle Menschen kennenlernen und habe selbst viel gelernt. Zudem ist Dublin selbst eine tolle und faszinierende Stadt.
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