Ich habe von September bis Dezember 2025 ein Auslandssemester an der Brock University absolviert. Für mich stand schon vor meiner Bewerbung fest, dass ich nach Kanada, genauer gesagt in die Regionen um Toronto oder Vancouver, möchte. Da meine Heimatuniversität, die Uni Leipzig, nur einen Austauschplatz an der Carleton University in Ottawa anbietet, war mir schnell klar, dass ich mich als Freemover selbst um einen Studienplatz kümmern würde.
Bewerbung und Organisation über College Contact
Zunächst habe ich mich informiert, wie man als Freemover ein Auslandssemester organisiert, und bin dabei auf College Contact gestoßen, die mehrere Universitäten in Kanada zur Auswahl haben. Da ich Physik im Bachelor studiere und mir möglichst alle Kurse anrechnen lassen wollte (Tipp: unbedingt vorher ein Learning Agreement machen!), musste ich zunächst schauen, welche Universitäten meine Pflichtkurse abdecken. Das ist gerade im Fach Physik nicht so einfach, da viele Universitäten – vor allem für höhere Semester – nur ein begrenztes Angebot haben. Am Ende konnte die Brock University meinen Kursload am besten abbilden und lag zusätzlich in meiner Wunschregion.
Der Bewerbungsprozess über College Contact war insgesamt sehr unkompliziert. Nach meiner Anfrage erhielt ich eine klare Anleitung mit allen erforderlichen Unterlagen und Schritten. Bei Fragen, zum Beispiel zum Sprachnachweis, konnte ich mich jederzeit per E-Mail an meine Ansprechpartnerin wenden und bekam schnell hilfreiche Unterstützung.
Während des Bewerbungsprozesses trat bei mir ein kleines Problem mit dem Sprachnachweis auf, das jedoch durch die gute Zusammenarbeit schnell gelöst werden konnte. Wenige Tage später erhielt ich bereits die Zusage für mein Auslandssemester.
Unterkunft, Flug und Vorbereitung
Nun ging es an die Organisation von Unterkunft und Flug. Ich habe mich für ein Zimmer im Studentenwohnheim auf dem Campus beworben, da einem bei einer Bewerbung vor Juni ein Platz garantiert wird. Für ein Semester erschien mir das deutlich entspannter, als eine Unterkunft außerhalb des Campus zu suchen. Das Zimmer war zwar etwas teurer, dafür war ich direkt auf dem Campus (bei mir waren es meistens nur zwei Minuten bis zur Vorlesung) und von vielen internationalen Studierenden umgeben.
Kurz darauf habe ich auch meinen Flug gebucht – glücklicherweise habe ich einen relativ günstigen Direktflug zwischen Frankfurt und Toronto gefunden. Ein Tipp, den ich geben würde: Wenn ihr nach dem Auslandssemester nicht direkt zurückfliegen möchtet, lohnt es sich trotzdem oft, Hin- und Rückflug zusammen zu buchen, da dies meist deutlich günstiger ist – selbst wenn ihr den Rückflug später umbucht.
Da mein Aufenthalt unter sechs Monaten lag, musste ich kein Visum beantragen, sondern lediglich eine eTA, die unkompliziert online ausgestellt wird. Anschließend standen die Studiengebühren und weitere Kosten an. Da ich schon vorher wusste, dass das teuer werden kann und ich keine finanzielle Unterstützung bekomme, habe ich etwa 1,5 Jahre vorher angefangen zu sparen. Trotzdem lohnt es sich, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Kosten so gering wie möglich zu halten. Mein persönlicher Tipp: Versucht, die Kosten schon vor der Bewerbung möglichst realistisch einzuschätzen – im Zweifel sogar etwas höher –, sodass später keine unangenehmen Überraschungen entstehen. Überlegt auch, ob eventuell eine günstigere Universität infrage kommt. Für mich war das aufgrund meiner benötigten Kurse leider keine Option. Generell sind die Orientierungswerte für Studiengebühren bei College Contact recht realistisch, allerdings können naturwissenschaftliche Kurse – insbesondere mit Laboranteilen – noch etwas teurer sein.
Anreise und erste Eindrücke
Die Zeit bis zum Abflug verging dann ziemlich schnell, und ehe ich es richtig realisiert habe, musste ich mich schon von Freunden und Familie verabschieden. Ich reiste ein paar Tage vor Semesterbeginn nach Toronto und zog anschließend weiter nach St. Catharines, da ich vorher noch etwas von Toronto sehen wollte. Von Toronto (Union Station oder Pearson Airport) kommt man relativ einfach mit dem Bus nach St. Catharines. Persönlich würde ich eher Megabus als Flixbus empfehlen, da meine Erfahrungen mit Flixbus durch Verspätungen geprägt waren.
Das Gute daran war jedoch, dass ich bereits auf der Busfahrt eine andere internationale Studentin kennengelernt habe, die ebenfalls auf dem Weg zum Campus war. Gemeinsam haben wir versucht, uns vor Ort zurechtzufinden und unser Wohnheim zu finden. Später sind wir zusammen einkaufen gegangen (unter anderem zu Walmart), und daraus entwickelte sich eine richtig gute Freundschaft. Das zeigt, wie schnell man im Ausland neue Kontakte knüpfen kann.
Welcome Day und Betreuung vor Ort
Der Welcome Day war sehr gut organisiert und ein perfekter Einstieg. Die Betreuer waren bereits vorab per Mail sehr hilfsbereit und auch vor Ort jederzeit ansprechbar. Sie unterstützten unter anderem bei der Kurswahl und standen für alle Fragen zur Verfügung. Der Tag begann mit einem gemeinsamen Frühstück, gefolgt von einer offiziellen Begrüßung. Außerdem gab es zahlreiche Informationsstände (z. B. Campus Security), Campustouren und organisierte Ausflüge, etwa zum Pen Centre.
Auch im weiteren Verlauf des Semesters wurden regelmäßig Veranstaltungen angeboten, bei denen man andere internationale Studierende kennenlernen konnte.
Studium und Kurse
Nach dem Welcome Day und dem Labour Day begann dann auch schon das Semester. Die erste Woche war relativ kurz und diente vor allem dazu, einen Überblick über die Kurse und deren Anforderungen (Syllabus) zu bekommen.
Meine Kurse waren:
ASTR1P01: Introduction to Astronomy I
- Zwei Vorlesungen pro Woche, zwei Midterms und ein Final
- Da es ein Erstsemesterkurs war, war er relativ einfach
- In den Klausuren durfte man Notizen mitnehmen, und es gab nur 25 Multiple-Choice-Fragen mit ausreichend Zeit
- Ich habe die Vorlesungen eher selten besucht und mich hauptsächlich durch Online-Tests und Nachbereitung vorbereitet
PHYS2P02: Introduction to Medical Physics
- Zwei Vorlesungen und eine Übung pro Woche, dazu Assignments, Quizze, ein Midterm und ein Final
- Der Kurs war ebenfalls eher einfach und baute auf Grundlagen auf
- Die Klausuren waren etwas umfangreicher als in Astronomy, aber machbar
- Die Vorlesungen habe ich fast immer besucht, da sie sehr interessant waren und der Professor sehr engagiert unterrichtet hat
PHYS3P41: Statistical Physics I
- Zwei Vorlesungen pro Woche, gelegentliche Übungen, vier Assignments, ein Midterm und ein Final
- Inhaltlich anspruchsvoller, aber gut machbar
- Das Final war deutlich schwieriger, aber bestehen war definitiv möglich
- Ich habe jede Vorlesung besucht, da es kein Skript gab und viel an der Tafel erklärt wurde
PHYS4P70: Condensed Matter Physics I
- Zwei Vorlesungen pro Woche, wöchentliche Assignments, zwei Midterms und ein Final
- Sehr zeitintensiv, da Vorbereitung, Quizze und aktive Mitarbeit erwartet wurden
- Trotz des Aufwands hat der Kurs viel Spaß gemacht, auch dank eines sehr motivierten Professors
Zusammenfassend würde ich sagen, dass die Kurse vom Niveau her etwas unter dem deutschen liegen, aber vom zeitlichen Aufwand durchaus vergleichbar sind. Ein großer Vorteil ist die kleinere Kursgröße – die Professoren kennen einen oft persönlich, und der Austausch ist deutlich einfacher.
Ein kleiner Tipp: Wenn ihr gerne in der Bibliothek lernt, setzt euch in den 9. Stock des Schmon Tower – von dort habt ihr einen beeindruckenden Blick auf den Lake Ontario bis hin nach Toronto. Bei gutem Wetter im September bietet es sich aber auch an, draußen zu lernen – umgeben von Natur und mit Eichhörnchen, die neugierig um einen herumspringen.
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Freizeit und Ausflüge
Während des Semesters gab es viele Freizeit- und Ausflugsmöglichkeiten, die vor allem von der Brock University Student Union (BUSU) organisiert wurden. Dazu gehörten zum Beispiel Ausflüge zu Sportveranstaltungen (wie ein Spiel der Toronto Blue Jays), kleinere Festivals, Bastelangebote oder Filmabende. Ein persönliches Highlight war für uns das wöchentliche „Tuesday Trivia“. Wir haben in Teams gegeneinander gespielt und dabei immer viel Spaß gehabt. Manche Fragen waren sehr kanadisch, andere wiederum bezogen sich auf internationale Themen, sodass jeder etwas beitragen konnte.
Auch der Besuch von Uni-Sportveranstaltungen war definitiv ein Muss. Dabei konnte man den typischen „Uni-Spirit“, den man sonst nur aus amerikanischen Filmen kennt, hautnah erleben. Besonders das erste Eishockeyspiel („Steel Blade“) im September war für viele Austauschstudierende ein Highlight.
Die Lage von St. Catharines ist ideal für Ausflüge. Die Niagarafälle sind nur etwa 20 Minuten entfernt und definitiv ein absolutes Highlight. Viele von uns waren mehrmals dort – vor allem wegen des Feuerwerks und der Sonnenaufgänge. Auch Toronto ist ein beliebtes Ziel, sei es für Sightseeing, Konzerte oder Sportveranstaltungen, wie Eishockey, Basketball oder Baseball. Weitere Ausflugsziele in der Nähe sind zum Beispiel Niagara-on-the-Lake, Hamilton oder auch Buffalo in den USA. Außerdem ist die Universität von Natur umgeben, sodass man gut wandern gehen und Tiere beobachten kann.
Während der Reading Week sind viele Studierende gereist. Ich selbst war in Montreal, was ich sehr empfehlen kann. Die Stadt bietet eine gute Mischung aus Natur, Kultur und Stadtleben. Nach meinem Semester bin ich noch weiter durch Kanada gereist, unter anderem nach Ottawa und Quebec City. Gerade diese beiden Städte sind definitiv einen Besuch wert. Für Reisen zwischen größeren Städten benötigt man kein Auto, für Nationalparks oder abgelegenere Orte kann ein Auto jedoch sehr hilfreich sein.
Was während der Zeit in Kanada natürlich nicht fehlen durfte: Tim Hortons oder auch Timmies. Die Kaffeekette gehört einfach dazu, und da es auf dem Campus gleich mehrere Standorte gab, wurde es schnell zur Gewohnheit. Bei uns wurde es sogar zur kleinen Tradition, uns vor dem Tuesday Trivia dort etwas zu holen.
Fazit
Das Auslandssemester an der Brock University war eine der besten Entscheidungen, die ich getroffen habe. Ich habe nicht nur fachlich viel gelernt, sondern vor allem persönlich enorm von dieser Erfahrung profitiert. Neue Freundschaften aus aller Welt, unzählige Erlebnisse und das Leben in einem anderen Land haben mich nachhaltig geprägt.
Rückblickend würde ich mich jedes Mal wieder dafür entscheiden. Mein Tipp an alle, die noch überlegen: Traut euch und nutzt diese Chance – ihr werdet es nicht bereuen.
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