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Englisch als zweite Sprache

Dr. Piboon Puriveth (59) leitet das internationale Programm der größten Universität Thailands. Im Interview äußert sich der Direktor des Institute of International Studies of Ramkhamhaeng University (IIS-RU) zu Englischkenntnissen und Lesebereitschaft vieler Thais sowie zu den Unterschieden zum amerikanischen Universitätssystem.

SIAM HEUTE: Nach dem Schulabschluss entscheidet sich die große Mehrheit der jungen Thais für ein Studium – aber nur wenige wählen ein internationales Programm. Was ist der Hauptgrund?

PIBOON: Die meisten thailändischen Schüler sind nicht gut in Englisch – und deshalb konzentrieren sie sich auf das Lernen für den Universitätseingangstest der staatlichen Universitäten. Die Punktzahl entscheidet dann darüber, ob der zukünftige Student an seiner Wunschuniversität im thailändischen Programm studieren kann. Ich treffe auch immer wieder Manager von Firmen, die am Wochenende Betriebswirtschaftslehre im thailändischen Master-Programm studieren. Ich frage sie regelmäßig, warum nicht auf Englisch? Man benötigt Englisch als Geschäftsmann. Die Antwort ist stets: Mein Englisch ist nicht gut genug. Aber wie wollen die Manager dann international Geschäfte machen?

SIAM HEUTE: Was sollte getan werden, um die Englischkenntnisse der Schüler zu verbessern?

PIBOON: Englisch sollte ab dem Kindergarten eine stärkere Rolle spielen. Außerdem haben aus meiner Sicht die Medien, insbesondere das Fernsehen, einen großen Einfluss auf die Schüler. Wenn die Eltern die englischsprachigen Nachrichtensender BBC oder CNN schauen, ist die Chance sehr groß, dass auch die Kinder dieses Fernsehverhalten übernehmen. Das wäre ein Weg, seine Englischkenntnisse zu verbessern. Ich sage meinen Studenten immer, dass sie nicht zu Sprachschulen gehen müssen, um ihr Englisch zu verbessern. Das können sie zu Hause, indem sie die Nachrichten auf Englisch gucken. Die Nachrichtensender wiederholen ständig ihre Beiträge. Wenn man beim ersten Mal nicht alles mitbekommt, kann man sich den Beitrag kurze Zeit später wieder ansehen. Durchs Zuhören lernt man neue Vokabeln, aber auch Grammatik, was insgesamt die Konversationsfähigkeiten verbessert. Eine andere Idee ist zu überlegen, was wäre, wenn die thailändische Regierung Englisch als zweite Sprache oder Amtssprache einführen würde. Das wäre besser. Wenn man nur nach Malaysia oder Singapur guckt, sieht man, dass alle Englisch sprechen – auch drei- und vierjährige Kinder – eben weil Englisch die zweite Sprache ist. Das könnte auch in Thailand eingeführt werden. Ich weiß nicht, was die Regierung darüber denkt, aber oft wollen sie thailändische Kultur stärken und argumentieren, dass wir Thai behalten müssen. Wir würden aber dadurch unsere Sprache nicht verlieren. Natürlich würden wir weiter Thai sprechen. Darüber bräuchte man sich nicht zu sorgen.

SIAM HEUTE: Insgesamt werden von thailändischen Universitäten derzeit mehr als 60 internationale Programme angeboten. Viele der thailändischen Studenten erhoffen sich von dieser Studienwahl eine Verbesserung ihrer Englischkenntnisse...

PIBOON: Der Trend zum internationalen Programm nimmt langsam zu, aber die meisten internationalen Programme haben keine guten Dozenten – die meisten sind Thai. Wenn diese auf Englisch gelehrt haben, fragen sie am Ende die Studenten, ob sie es verstanden haben. Die Antwort ist dann oft „nein“ und der Dozent beginnt, den Stoff auf Thai zu erklären. Das ist eine Art Thai-Unterricht mit einer internationalen Studiengebühr.

SIAM HEUTE: Wie empfinden Studenten den Wechsel von der Schule zur Universität?

PIBOON: In der Schule haben die Schüler feste Regeln zu befolgen. Sobald sie studieren, denken viele, sie sind frei. Sie können beispielsweise rauchen und anziehen, was sie wollen. Außerdem müssen viele erst noch lernen, dass sie sich auf das Studium konzentrieren müssen. Viele haben mehr ihre Freizeitaktivitäten im Blick als Lernen. Die Anzahl derjenigen, die in Folge dessen schnell das Studium abbrechen, ist hoch – etwa zehn bis 15 Prozent im ersten Jahr.

SIAM HEUTE: Sehen sie mangelnde Disziplin als ein thailändisches oder ein generelles Problem unter jungen Menschen an?

PIBOON: Das ist aus meiner Sicht weltweit ein Problem. Die Ursache liegt in der Familie. In Thailand kümmern sich die Eltern sehr um ihren Nachwuchs: Alles, was die Kinder wollen, bekommen sie auch. Das ist nicht gut. Besonders schlimm ist die Situation jedoch in Folge der Ein-Kind-Politik in China: Eltern und alle vier Großeltern kümmern sich um ein Kind.

SIAM HEUTE: Sie selbst haben in den USA studiert – ihren Master-Abschluss haben Sie von der California State University Long Beach und Ihren Doktortitel von der University of Wisconsin in Milwaukee. Was haben Sie bei der Einrichtung Ihres internationalen Programms übernommen?

PIBOON: Wir haben das zweisemestrige System sowie die Prüfungsordnungen und Lehrpläne übernommen. Abgesehen von den thailändischen Kulturkursen orientiert sich die überwiegende Mehrheit der angebotenen Kurse am amerikanischen System.

SIAM HEUTE: Was sind Unterschiede zum amerikanischen System?

PIBOON: Die Universitätsräume in den USA sind Studentenzentren. Hier sind es Dozentenzentren. In den Vereinigten Staaten wird gelesen und dann diskutiert. In Thailand kommen die Studierenden zur Universität, um zuzuhören. Sie erwarten, dass der Dozent ihnen alles erzählt. Wenn man von ihnen den amerikanischen Weg erwarten würde, täten sie nichts. Wenn sie es nicht während der Vorlesung verstehen, sagen sie, dass der Unterricht nicht gut war. Meinen Studenten im Master- und Doktorprogramm gebe ich am Anfang immer eine CD mit etwa 45 Aufsätzen und bitte darum, dass die Kursteilnehmer diese lesen. Etwa zehn Prozent machen das. Wenn wir mit den Anforderungen mithalten wollen, müssen wir aber hart arbeiten. Das bedeutet, wir müssen viel lesen und diskutieren. Wir sollen nicht erwarten, dass alles vom Dozenten kommt, so wie es in der Vergangenheit der Fall war.

SIAM HEUTE: Wo sehen Sie die wesentlichen Gründe für die mangelnde Lesebereitschaft?

PIBOON: Die jüngeren Menschen lesen nicht gerne, weil sie lieber gucken – zum Beispiel Video oder Fernsehen. In der Schule müssen sie auch nicht lesen und Ausarbeitungen anfertigen. Der Lehrer konzentriert sich auf seinen Unterricht im Klassenraum. Das wird zum Problem, wenn die jungen Leute studieren, wo wir von ihnen verlangen, dass sie viel lesen.

SIAM HEUTE: Vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: Siam heute, Oktober-Dezember 2008, www.siamheute.de


Veröffentlicht am: 28.04.2009

Autor: Birte Bolte-Chuychunu



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